Hervé Le Tellier erhält den 15. Würth-Preis für Europäische Literatur
Der französische Schriftsteller Hervé Le Tellier ist am Dienstag, 28. April, im Carmen Würth Forum in Künzelsau mit dem 15. Würth-Preis für Europäische Literatur der Stiftung Würth ausgezeichnet worden. Er ist mit 25.000 Euro dotiert. Den Preis übergaben Maria Würth, Mitglied des Vorstands der Stiftung Würth, und Johannes Schmalzl, Vorsitzender des Vorstands der Stiftung Würth.
Le Tellier sei „ein Meister des Spiels mit Regeln und Genres, mit Gattungen und Formen“, würdigte Dorothee Kimmich, Laudatorin, Jurorin und Professorin für Literaturwissenschaftliche Kulturwissenschaft und Kulturtheorie an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Er erhalte die Auszeichnung für sein „ganzes vielfältiges, elegantes, kluges, witziges, großartiges Werk, aber vielleicht doch ganz besonders für die Geschichte des André Chaix“.
Auch die baden-württembergische Kunstministerin Petra Olschowski bezog sich in ihrem Grußwort auf Hervé Le Telliers jüngstes Buch „Der Name an der Wand“, in dem der Autor nicht nur die Geschichte eines jungen französischen Widerstandskämpfers im Zweiten Weltkrieg erzählt, sondern den Blick weiter fasst: „In ganz Europa werden derzeit Werte wie Rechtsstaatlichkeit, Toleranz und Vielfalt von Teilen der Gesellschaft in Frage gestellt. Diese Werte sind jedoch die Basis für unsere Demokratie. Sie müssen verteidigt werden gegen rechtsnationale Tendenzen und für den Freiheitsbegriff, für den Europa steht. Hervé Le Telliers Spurensuche macht deutlich, wie verletzlich diese Übereinkunft tatsächlich ist, die unserem Zusammenleben zugrunde liegt. Mit dem Würth-Preis für Europäische Literatur richtet die Stiftung Würth wieder einmal den Blick auf ein herausragendes literarisches Zeugnis. Ich gratuliere Hervé Le Tellier ganz herzlich zu dieser Auszeichnung!“
Hervé Le Tellier sagte: „Das Europa, das wir teilen und lieben, besteht aus Exil, aus Konflikten, aus Vermischungen und aus Einflüssen. Wir Europäer haben eine ganz eigene Art, uns nicht ganz zu verstehen. Der Würth-Preis würdigt eine Literatur, die sich über Sprachen und Grenzen hinweg verbreitet. Eine Literatur, die sich gegen identitäre Einengungen wehrt. Eine Literatur, die uns verschiedene Stimmen hören lässt. Andere Leben als das eigene leben. Das ist, glaube ich, die Rolle der Literatur. Sie erweitert unsere Fähigkeit zur Empathie. Sie versucht, uns die Gleichgültigkeit zu verbieten. Sie erinnert uns daran, dass jedes Leben einzigartig ist. Und solange Schriftsteller weiterhin gegen das Vergessen, gegen die Vereinfachung, gegen den Verzicht schreiben, wird die Literatur eine der großen moralischen Kräfte unseres Kontinents bleiben. Und vielleicht hat sie auf ihre zerbrechliche und sensible Weise eine Chance, Einfluss auf die Welt zu nehmen.“ Le Tellier dankte „all jenen von ganzem Herzen, die weiterhin daran glauben, dass Literatur eine demokratische Notwendigkeit ist“.
Gaël de Maisonneuve, Französischer Generalkonsul in Stuttgart, hob in seinem Grußwort die spielerischen Rätsel und neuen Ideen im Werk des Preisträgers hervor: „Es gibt immer Überraschungen, wenn man Le Tellier liest.“
Über Hervé Le Tellier
Hervé Le Tellier, geboren 1957 in Paris, gilt als einer der etabliertesten zeitgenössischen französischsprachigen Schriftsteller. International bekannt wurde er 2020 mit seinem Roman „L‘Anomalie“ („Die Anomalie“), für den er mit dem wichtigsten Literaturpreis Frankreichs, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet wurde. Spätestens seit 2021, als der mit dem Gedankenexperiment einer Duplikation der Wirklichkeit spielende Bestseller auf Deutsch erschien, sorgt sein Werk auch hierzulande für Aufsehen. Der studierte Mathematiker und promovierte Linguist Le Tellier ist Präsident der avantgardistischen Literaturgruppe Oulipo. 2025 erschien bei Rowohlt seine eindringliche Erzählung „Der Name an der Wand“ („Le Nom sur le mur“, 2024) über das kurze Leben des bislang unbekannten Résistance-Kämpfers André Chaix.
Über den Würth-Preis für Europäische Literatur
Der Würth-Preis für Europäische Literatur würdigt Autorinnen und Autoren, die literarisch zur Verwirklichung der kulturellen Vielfalt Europas beigetragen haben. Die Stiftung Würth vergibt die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung alle zwei Jahre. Der Jury unter Vorsitz von C. Sylvia Weber, Intendantin Kultur bei Würth und Aufsichtsrätin der Stiftung Würth, gehören an: Prof. Dr. Dorothee Kimmich, Prof. Dr. Lothar Müller, Prof. Dr. Dr. h.c. Ulrich Raulff, Denis Scheck, Marie Schmidt und der Preisträger des 14. Würth-Preises für Europäische Literatur, Colm Tóibín.
Die bisherigen Preisträgerinnen und Preisträger:
• 2024 Colm Tóibín
• 2022 Annie Ernaux
• 2020 David Grossman
• 2018 Christoph Ransmayr
• 2016 Peter Handke
• 2014 Péter Nádas
• 2012 Hanna Krall
• 2010 Ilija Trojanow
• 2008 Peter Turrini
• 2006 Herta Müller
• 2004 Harald Hartung
• 2002 Claude Vigée
• 2000 Claudio Magris
• 1997 Hermann Lenz
Über die Stiftung Würth
Die gemeinnützige Stiftung Würth wurde 1987 von Prof. Dr. h. c. mult. Reinhold und Carmen Würth in Künzelsau gegründet und fördert Projekte in den Bereichen Bildung und Wissenschaft, Soziales und Integration sowie Kunst und Kultur.
