Eric Gujer im Carmen Würth Forum: „Als Schweizer möchte ich die Deutschen manchmal packen und schütteln“
Der Chefredakteur der NZZ fordert bei seinem Vortrag mehr Vertrauen in die Demokratie und mehr Pragmatismus
Einen kritischen Blick von außen auf Deutschland hat Eric Gujer im Carmen Würth Forum in Künzelsau geworfen. Vor rund 1.600 Zuhörerinnen und Zuhörern sprach der Schweizer Journalist und Chefredakteur der „Neuen Zürcher Zeitung“ (NZZ) auf Einladung von Prof. Dr. h. c. mult. Reinhold Würth, Ehrenvorsitzender des Stiftungsaufsichtsrats der Würth-Gruppe, am Dienstagabend über die politische Lage Deutschlands, den Umgang mit der AfD, die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft und die Frage, warum der Staat seine eigentlichen Aufgaben immer weniger zuverlässig erfülle.
Gujer, der viele Jahre als Korrespondent auch in Berlin verbracht hatte, appellierte an seine deutschen Nachbarn, an ihre Demokratie zu glauben. „Als Schweizer möchte ich die Deutschen manchmal packen und schütteln und ihnen zurufen, sie sollten der Stärke ihrer Demokratie vertrauen.“ Er selbst sei Optimist und habe Vertrauen in Deutschland. „Ich plädiere deshalb für mehr Gelassenheit und lade sie auch zu Optimismus ein. Ihr Land verdient es.“
Die Unzufriedenheit der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland führte Gujer auf die zunehmende Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit zurück. Und er ist sich sicher: „Wenn der Staat funktioniert, wird die Demokratie gerettet.“ Das Problem in Deutschland sei, dass aus einem einst funktionierenden System ein dysfunktionales geworden ist. Früher habe die Maxime auf der Ergebnisorientierung gelegen, was zählte, war das Resultat. „Heute herrscht die Maxime der Prozessorientierung. Nicht mehr das Ergebnis zählt, sondern das Verfahren.“
Gujer verband seine Kritik an Staat und Politik mit einem Appell zu mehr Pragmatismus. Deutschland stehe vor erheblichen Herausforderungen – wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich. Die Probleme ließen sich jedoch nicht durch mehr Konformität lösen. „Ich finde es offensichtlich, dass sich Deutschland politisch neu erfinden muss.“ Das Land stecke in der Krise, ja. Zugleich habe das Land großes Potenzial und „immer wieder bewiesen, dass es sich am eigenen Schopf aus dem selbstverschuldeten Sumpf wieder herauszieht.“ Dieses Potenzial zu nutzen und die Mehltau-Mentalität der letzten Jahre abzuschütteln: „Das wäre mein Wunsch für Deutschland.“ Prof. Reinhold Würth dankte Gujer für seine Ausführungen und betonte, dass er an die Kraft des Grundgesetzes glaubt.
Unternehmen
Über die Würth-Gruppe
Die Würth-Gruppe ist führend in der Entwicklung, der Herstellung und dem Vertrieb von Montage- und Befestigungsmaterial. Darüber hinaus sind Handels- und Produktionsunternehmen, die sogenannten Allied Companies, in angrenzenden Geschäftsfeldern aktiv, wie etwa im Elektrogroßhandel, in den Bereichen Elektronik sowie Finanzdienstleistungen. In 80 Ländern beschäftigt der Konzern aktuell weltweit über 86.000 Mitarbeitende in über 400 Gesellschaften mit über 2.800 Niederlassungen. Der Konzern erzielte im Geschäftsjahr 2025 einen Umsatz von 20,7 Milliarden Euro und ein Betriebsergebnis von 970 Millionen Euro. Mit rund 8.000 Mitarbeitenden ist die Adolf Würth GmbH & Co. KG in Künzelsau größtes Einzelunternehmen der Würth-Gruppe.
