Schwäbisch Hall,
02
Juni
2021
|
08:21
Europe/Amsterdam

Leonhard Kern und Europa. Die Kaiserliche Schatzkammer Wien im Dialog mit der Sammlung Würth

Zusammenfassung

Von den Habsburgern gegründet und zu unvergleichlicher Pracht ausgebaut, zählt die Wiener Kunst- und Schatzkammer zu den großartigsten Sammlungen ihrer Art weltweit. Einer ihrer Höhepunkte: die Skulpturen des Barock-Bildhauers Leonhard Kern (1588-1662). In der großen Ausstellung „Leonhard Kern und Europa“ thematisiert die Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall bis 3. Oktober mit dem Kunsthistorischen Museum Wien und dem Hällisch-Fränkischen Museum Leonhard Kern als einen der bedeutendsten Künstler seiner Zeit. In Schwäbisch Hall lebte und arbeitete der Bildhauer von 1620 bis zu seinem Tod.

Verblüffend lebensnahe Figuren schuf Kern, handwerklich höchst virtuos, zeitlos modern. Die Schau vereint den Würth-Bestand der Werke Leonhard Kerns, darunter Wiederentdeckungen wie die Alabaster-Gruppe „Herakles und Hippolyte“ (um 1620) oder die erstmals seit 1935 wieder öffentlich zugängliche Elfenbein-Gruppe „Laokoon und seine Söhne“ (um 1620), mit herausragenden Leihgaben der Kaiserlichen Schatzkammer, etwa der Kreuzigungsgruppe „Christus und seine Schächer“ (um 1625). Dank weiterer hochkarätiger Leihgaben aus Wien kommen auch Hauptwerke anderer Gattungen nach Schwäbisch Hall, auf die sich Kern im Kontext seiner römischen Erfahrungen bewusst beziehen konnte. Denn erst der Vergleich mit den Lösungen der berühmten Vorbilder und Zeitgenossen lässt die spezifische Qualität und Originalität Kern‘scher Formfindungen in aller Deutlichkeit zu Tage treten. Zu sehen sind zum Beispiel die Reliefplastik „Die Grablegung Christi“ (um 1480) von Andrea Mantegna (1431-1506) oder der als Figura Serpentina ausgeführte „Raub einer Sabinerin“ (um 1600) von Giovanni Bologna (1529-1608). Für einen Dialog mit Moderne und Gegenwart der Sammlung Würth sorgen überraschende Gegenüberstelllungen mit Pablo Picasso, Georg Baselitz, Fernando Botero, Alfred Hrdlicka oder Victor Vasarely.

„Leonhard Kerns Kunst steht für ein grenzenloses Europa. Außergewöhnlich hochgebildet und weit gereist, konnte er Kunst für Kenner liefern, weil er selbst einer war. Die habsburgischen Sammlungen in Prag, Wien und Innsbruck (Ambras), heute zum größten Teil im Kunsthistorischen Museum Wien zusammengefasst, waren die anspruchsvollsten. Die europäische Dimension seiner Kunst herauszustellen ist das Ziel unserer Aus­stellung in Schwäbisch Hall.“
Fritz Fischer, Direktor der Kaiserlichen Schatzkammer Wien und Kunstkammer Wien

Die Ausstellung positioniert nicht nur die Stellung des Bildhauers in der europäischen Kunstgeschichte neu, sie verdeutlicht auch wie Gesellschaft und Kultur des 17. Jahrhunderts von europäischer Vielfalt und Austausch profitierten. Neugier und Reiselust sowie der Hunger nach einem möglichst vielstimmigen Konzert spannender Begegnungen prägten auch Leonhard Kerns Werdegang. Ungewöhnlich für seine Zeit, unternahm er von 1609 bis 1614 als junger Künstler weite Reisen nach Rom und Neapel, setzte wahrscheinlich sogar mit einem Segelschiff nach Nordafrika über. Die Auseinandersetzung mit künstlerischen Vorbildern der italienischen Renaissance und Barockkunst sowie der Antike prägte Kerns künstlerische Entwicklung. Sein beherzter Zugriff auf den „Laokoon“, das vermutlich meist bewunderte Kunstwerk der damaligen Welt, zeugt von großem künstlerischen Selbstvertrauen. Während die antiken griechischen Schöpfer die dramatische Szene nur mit einer Schauseite gestaltet hatten, verhalf ihr Kern zur Allansichtigkeit. Er war zudem kühn genug, die sich eindrucksvoll ausbreitende lebensgroße Gruppe auf den engen Raum eines Elefantenstoßzahns zu reduzieren und zeigt sich damit ganz auf der Höhe seiner Zeit. Auch als Unternehmer erwies sich der Hohenloher als Ausnahmetalent: Kerns Werkstatt in Schwäbisch Hall verließen auch während der Wirren des Dreißigjährigen Krieges schätzungsweise 200 Kleinplastiken – vor allem aus Elfenbein, Alabaster und Buchsbaum – um an den Fürstenhöfen Europas Furore zu machen.

„Mit der Ausstellung rücken wir Leonhard Kern – einen der bedeutendsten deutschen Meister frühbarocker Bildwerke kleinen Formats – an dem Ort in den Blickpunkt, den er selbst vor 400 Jahren als Lebens- und Schaffensmittelpunkt aus­gewählt hatte: Schwäbisch Hall. Zugleich setzen wir damit unsere Reihe von Gast­ausstellungen führender nationaler und internationaler Sammlungen fort. Nirgendwo wird man sich derzeit ein besseres Bild von der Kunst des Bildhauers machen können. Kaum einer wusste seinen Figuren so viel Leben einzuhauchen wie Leonhard Kern.“
C. Sylvia Weber, Direktorin der Sammlung Würth
„Die Hauptschaffenszeit Leonhard Kerns – von seinem 30. bis zu seinem 60. Lebens­jahr – war vom Dreißigjährigen Krieg überschattet. Es waren kaum große Schlachten, unter denen die Bevölkerung litt, als vielmehr die durch Truppendurchzüge und Einquartierungen entstandenen Versorgungsnöte, die ungezügelte Gewalt der Soldateska vor Ort und die Bedrohung durch plötzlich auftretende Seuchen. Für Kern dürfte der Vertrieb seiner Kunstwerke in den Kriegsjahren immer schwie­riger geworden sein. Und es ist kaum vorstellbar, wie überhaupt das Elfenbein, das er und seine Werkstatt offenbar durchgehend verarbeiteten, nach Hall gelangen konnte. Es steht jedoch außer Zweifel, dass die Lebensumstände den Künstler prägten und somit auch sein Schaffen beeinflussten. Bei manchen Figurengruppen lassen sich die Bezüge zu den Schrecken des Krieges unschwer herstellen.“
Armin Panter, Leiter des Hällisch-Fränkischen Museums in Schwäbisch Hall

Die Ausstellung „Leonhard Kern und Europa. Die Kaiserliche Schatzkammer Wien im Dialog mit der Sammlung Würth“ ist eine Kooperation von Kunsthalle Würth, Kunsthistorischem Museum Wien und Hällisch-Fränkischem Museum, Schwäbisch Hall.

Das Hällisch-Fränkische Museum präsentiert bis 3. Oktober 2021 die Schau „Jammer und Not, Hunger und Tod – Leonhard Kern und der Dreißigjährige Krieg“.

www.kunst.wuerth.com